Startpage.com Gipfel der sicheren Suchmaschinen?

Heute stieß ich durch Zufall mal wieder auf den Suchanbieter Startpage.com mit Sitz in den Niederlanden. Der Suchanbieter verspricht eine Verschleierung der Daten seiner Nutzer und bildet nach eigenen Angaben die Brücke zwischen deinen Abfragen und dem Datengierigen Anbieter Google. Doch der Reihe nach. In mir machte sich Neugier breit, und ich las zunächst die Website des Anbieters.

Nach dem Lesen einiger martialischer Einträge, auf die ich noch eingehe, bemühte ich auch Google und Bing (nicht Startpage.com), um an weitere Informationen zu gelangen. Schnell wurde ich noch aufmerksamer: Wenn Chip.de und die Computer Bild die Nutzung empfehlen, ist da erfahrungsgemäß etwas richtig faul. So schreibt die Computer Bild Autorin Virginia Kirst  in einem Artikel vom 17.06.2011:

Bei jeder Suchanfrage werden der Inhalt der Anfrage, ihr Zeitpunkt, die angesteuerten Links und die IP-Adresse des Users aufgezeichnet. Außerdem können die Betreiber der Suchmaschinen durch das Hinterlassen von Cookies im Browser die Nutzer individuell identifizieren […]

Startpage leiste einen absoluten Schutz der Privatsphäre und entspreche den Anforderungen der europäischen Datenschutzbestimmungen, versichert der Anbieter.

Versichert der Anbieter. Aha! Die Clickbait- Johnnies der Chip halten es da in einem Artikel vom 03.03.2015 noch knapper und pauschaler:

Mit der Suchmaschine Startpage nutzen Sie Google anonym und ohne Tracking.

Google & Co. sind dafür bekannt, ihre Nutzer zu tracken und individuelle Profile zu erstellen. Wer das nicht möchte, aber trotzdem auf gute Google-Suchergebnisse nicht verzichten will, kann zur Suche Startpage greifen.

Startpage leitet Ihre Suchanfrage an Google weiter, ohne dabei Ihre IP zu speichern oder Sie auf anderen wegen zu tracken. Umgehend erhalten Sie die anonymisierten Such-Treffer – in gewohnter Google-Qualität.

Fazit: Wer sich um seine Privatsphäre sorgt, aber nicht auf die guten Suchergebnisse von Google verzichten will, ist bei Startpage genau richtig. Eine ebenfalls anonyme Suchmaschine ist DuckDuckGo.

Hier musste ich das Zitat nicht einmal sondieren. Nach fünf Sätzen, inklusive der Überschrift ein Fazit zu ziehen deutet wirklich auf den Qualitätsjournalismus des Blattes. Oder eben darauf, dass die Autoren davon ausgehen, dass ihre Leser unter starker Demenz leiden. Die Resümees gleichen in etwa der Tiefe ihrer AV Software- Tests.

Laut Startpage.com wird die Suche quasi mit einem Proxy- Filter an Google weitergeleitet, wobei Google die Anfrage nicht direkt von dir erhält, sondern über Startpage. Dort kommen dann de facto Cookies und IP bei Startpage an, die dir wiederum die Ergebnisse ausliefern, ohne deine Cookies und IP zu speichern. So viel zur Theorie. In der Praxis ist das auch durchaus machbar, nur was haben wir in der Hand, außer „versichert der Anbieter„?

Der Gedanke hält sich ähnlich mit dem über Sinn und Unsinn kostenloser Proxy- Anbieter. Was hat jemand davon, dir kostenlos seinen Server unter eigenem Risiko zur Verfügung zu stellen? Ich gehöre nicht zur Silberhutfraktion, aber denke einfach mal darüber nach.

Dann Blogeinträge, Pressemitteilungen oder was auch immer das darstellen soll- ein Eintrag vom 10.09.2012:

Microsoft beansprucht damit eine beispiellose Macht über die User-Daten. Nach den alten AGB konnte Microsoft Inhalte von via Hotmail gesendeten E-Mails nur dazu nutzen, den Service an sich anbieten zu können. (Siehe Link zu den alten AGB weiter unten.) Ab 27. September kann Microsoft Hotmail-Nachrichten und Inhalte seiner anderen Cloud-Services, wie Skydrive, ausspähen, um User-Profile zu erstellen und gezielt Werbung anbieten zu können – aber auch die Modifizierung der Suchergebnisse ist dann möglich.

Was Startpage.com hier als „ausspähen“ deklariert ist ein neu eingesetzter Algorithmus zur Erkennung von Kinderpornographie gewesen. Keinesfalls durchforsten da (genau wie bei Google) Mitarbeiter deine Dateien und Mails. Hier scheint wieder das Kredo „Herrschaft durch Angst“ einfuhr zu halten, in der Regel funktioniert das auch gut.

Widmen wir uns doch mal der Glaubwürdigkeit dieses Suchanbieters, der anscheinend keine Refinanzierung benötigt. In jeden der Presseartikel wird mit der Signatur

Ansprechpartner in den USA, Dr. Katherine Albrecht, U.S. Media Relations

versehen.

startpage.com

Die USA- da war doch etwas. Server von Startpage.com sind in den USA angesiedelt, und unterliegen somit dem Patriot Act! Somit sind sie ohne richterliche Beschlüsse für CIA, NSA, FBI und sonstige Institutionen einsehbar. Was meint ihr, wofür interessieren die sich am meisten? Billiarden an Daten der „Großen“ auszuwerten, oder die überschaubaren derjenigen, die nach weitläufiger Meinung solcher Organe etwas zu verschleiern haben?

Doch so weit müssen wir nicht mal reisen. Startpage.com brüstet sich auf der Homepage mit dem Verleih des „European Privacy Seal“, verliehen vom „Unabhängigem Landeszentrum für Datenschutz Schleswig- Holstein“. Landesamt. Amtlich. Bundesrepublik. Das sind die „Datenschützer“, die um den Kampf um Posten mit den Befürwortern der Vorratsdatenspeicherung Reise nach Jerusalem spielen.

Aber eins finde ich dabei noch spannender:

Die Pressemitteilung des Datenschutzzentrums ist vom 14.07.2008. Erst am 28.01.2009 stellte Startpage.com die Speicherung von IP Adressen vollständig ein, am 24.10.2011 wurde die Suchseite erst SSL verschlüsselt, am 22.07.2013 erfreut man sich der TLS 1.1/ 1.2 Verschlüsselung. Wofür genau also gab es diesen „Orden“?

 

 

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.